Im Projekt gehen täglich Menschen zwischen 5 und 45 Jahren ein und aus, so bekomme ich viele Eindrücke über das alltägliche Leben in diesem Land mit. Kinder, die mir mit traurigen Gesichtern erzählen, dass sie von ihren Eltern mit Gürteln und Schuhen geschlagen werden und Mütter, die mir sagen: ”Wenn mein Kind nicht hört, dann schlag ich es halt mit dem Gürtel.” Doch auch viele andere Problem des nicaraguanischen Lebens bekomme ich so zu hören…schlechte Schulbildung, kein Essen, Gewalt in den Strassen, und viele andere Dinge, die die Menschen hier belasten.
Die Arbeit im Zentrum “Juan Pablo II” macht mir sehr viel Freude. Die Kinder haben viel Humor, manchmal auch zu viel. Sie stellen dir immer viele Fragen und sind erstaunt über deine Antworten: “Was? Du hast noch kein einziges Kind.”
Meinen Morgen verbringe ich mit Deutschunterricht. Mit zwei Schülern kommt man relativ schnell voran, die einzigen Probleme sind die Aussprache und die Grammatik. Nach dem Mittagessen (Gemüse, Bohnen, Reis, Fleisch, Bananen) geht es weiter mit Hausaufgabenbetreuung. Da wurde mir ein “wilder Haufen“ (zwischen sechs und acht Jahren) zugeteilt, den ich mittlerweile aber unter Kontrolle habe. Man lernt die Kinder mit der Zeit immer besser kennen und weiß, wie man mit ihnen umgehen muss, damit sie einen respektieren. Danny, der kleine Dicke, wäre gern eine Frau und sprüht sich immer mit dem Parfüm seines Vaters ein. Manchmal faucht er mich auch nur an; aber ich bin schon froh, wenn er es schafft in 1 ½ h fünf Linien in sein Heft zu schreiben. Gebe ich ihnen Aufgaben, die keinen Spaß machen, bekomme ich zur Antwort: “Ich mag dich nicht mehr und deshalb rede ich auch nicht mehr mit dir!” Wenn dann aber jemand anderes bei ihnen Unterricht macht, kommen sie und sagen: “Patito Paul, mir dir macht es viel mehr Spaß.”
Nach der Hausaufgabenbetreuung habe ich mit einer Gruppe von 10- bis 13jaehrigen Englischunterricht. Es geht hauptsächlich darum, ihnen ein Gefühl für die Sprache beizubringen. In der Schule haben sie pro Woche nur 2 1/2h Englischunterricht und der Unterricht im Projekt soll als Vorbereitung dazu dienen. Da der Englischunterricht gegen Ende des Tages im Projekt stattfinden, fällt es den Kindern oft schwer sich zu konzentrieren. Mit Spielen kann man den Unterricht dann interessanter machen.
Danach wird mehrmals in der Woche aus sechs Tischen eine provisorische Tischtennis-platte zusammen geschoben. Ping-Pong spielen macht den Kindern sehr viel Spaß und einige sind auch schon richtig gut geworden.
Kunstunterricht findet auch statt. Es werden Arbeiten gemacht, die später an Menschen geschickt werden sollen, die das Projekt unterstützen.
Am Samstag wird auch gearbeitet und zwar früh am Morgen mit einer Englischgruppe mit Schülern zwischen 15 und 40 Jahren. Die Schüler zeigen sehr viel Motivation und man kommt gut voran. So bleibt mir eigentlich nur der Sonntag zum Ausschlafen, doch seitdem ich in einem Fussballteam spiele, muss ich auch sonntags um 7Uhr aufstehen und um 8Uhr auf dem Platz stehen.
Zurzeit haben die Kinder hier “Sommerferien” und somit viel Zeit, um sich zu langweilen. Das Projekt läuft normal weiter, nur dass sie jetzt auch morgens ins Projekt kommen. Wir gehen mit ihnen an den See zum Baden, in den Park zum Spielen oder organisieren Kunstprojekte. Die Kinder sind überglücklich bei solchen Ausflügen und „voll aufgedreht“. Diese Ausflüge sind eine Seltenheit, da sie die meiste Zeit im Haus vor dem Fernseher sitzend oder spielend vor dem Haus verbringen. Den Eltern fehlt oft die Zeit, das Geld oder einfach der Ansporn, um etwas mit ihren Kindern zu unternehmen. Zuhause ist es einfacher, auf die Kinder aufzupassen.
Die Arbeit mit den Kindern ist sehr wichtig, um sie aus ihrem “langweiligen” Leben – so sagen mir das die Kinder – heraus zu holen und sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie haben fast keine Spielsachen, geschweige denn ein “Kinderzimmer”; die ganze Familie schläft in einem Raum und die Kinder meistens zu zweit im Bett. Nix da mit: “Mama, ich will aber die neue Polizeistation von Lego zu Weihnachten”.
Wie allgemein bekannt, führt Langeweile zu dummen Ideen in den Köpfen der Kinder (Drogen, Diebstahl, Schlägereien). Das ist in Nicaragua ein immer grösser werdendes Problem; Gewalt und Kriminalität nehmen zu; die Menschen versuchen auf andere Weise, ihr Geld zum Überleben zu „verdienen“. Trotzdem ist Nicaragua immer noch das sicherste Land Zentralamerikas.
Das Projekt versucht, den Kindern Werte wie Respekt und Verantwortung für sich selbst und die Familie nahe zu bringen. Oft ist es jedoch zum Verzweifeln, weil die Eltern sich nicht die Mühe machen, selbst ihren Kindern diese Werte zu vermitteln. Die Probleme werden nach wie vor mir dem Schuh oder Gürtel „gelöst, was die Kinder schon bei kleinsten “Fehltritten” zu spüren bekommen. Die Kinder müssen hier oft die Verzweiflung der Eltern am eigenen Leib ausbaden.
Für mich ist es manchmal schwierig, gegenüber den Kindern die richtige Rolle ein zu nehmen. Auf der einen Seite musst du ihr Freund sein, der sie durch die Luft wirbelt und huckepack mit ihnen die Straßen rennt, auf der anderen Seite musst du der Lehrer sein, der sie unter Kontrolle hat und ihnen sagen muss, dass der Unterricht jetzt begonnen hat und man erst danach weiterspielen kann. Dieser Rollenwechsel ist nicht sehr einfach, weil er von der einen auf die andere Minute erfolgen muss; wenn man diesen Übergang nicht schafft, machen sie was sie wollen und hören nicht auf dich. In Nicaragua sagt man: “Dein Lehrer ist nur in der Schule dein Lehrer, außerhalb kann er dein Freund oder Geliebter sein.”
Paul, Granada




